Chenin, Chaos und große Visionen
Ivan Massonnat über seine neue Heimat im Anjou, geologisches Abenteuer und die Zukunft großer Loireweine
Was passiert, wenn ein Quereinsteiger mit Sinn für Biodiversität, Präzision und Emotion ein wegweisendes Weingut übernimmt? Ivan Massonnat hat mit Belargus das Anjou aufgemischt – und dem Chenin blanc ein neues Kapitel geschenkt. Ein Gespräch über geologisches Chaos, heldenhafte Weinbergsarbeit und Weine, die zum Meditieren einladen.
Bernd Kreis und Ivan Massonnat im Gesprächüber die Übernahme eines Weinguts im Anjou
Es ist noch gar nicht so lange her, da galten die Weiße aus dem Anjou als Geheimtipp für Eingeweihte. Wer sich auf Chenin blanc einließ, tat das oft aus Neugier oder Abenteuerlust. Die große Bühne gehörte anderen Regionen. Dass sich das heute geändert hat, verdanken wir Winzern wie Jo Pithon, der das Potenzial seiner Heimat früh erkannte und nie aufgehört hat, daran zu glauben. Ich kenne Jo seit drei Jahrzehnten, und wir führen seine Weine fast genauso lange im Sortiment. In den 1990ern war das ein Wagnis. Heute ist es eine Selbstverständlichkeit.
Umso mehr freut es mich, dass dieser Staffelstab 2018 in die richtigen Hände übergegangen ist. Ivan Massonnat, ein Quereinsteiger mit klarer Vision, hat die Domaine Pithon-Paillé übernommen und unter dem Namen Belargus neu geordnet. Was dort in wenigen Jahren entstanden ist, ist atemberaubend. Ivan hat nicht nur die Idee der großen Chenin-Weine weitergedacht, er hat sie auf ein neues Niveau gehoben. Belargus ist heute ein Synonym für die Spitzenweine des Anjou. Biodynamisch bewirtschaftet, mit Fokus auf Biodiversität, Tiefe und Herkunft. Für ihn arbeitet einer seiner Mitarbeiter ausschließlich am Erhalt der Artenvielfalt. Und als wäre das nicht genug, investiert Ivan in junge Talente im Beaujolais: Domaine des Jeunes Pousses ist ein Nachwuchsprojekt für angehende Winzerinnen und Winzer mit eigenem Kopf. Er hat kürzlich auch ein weiteres Weingut in Chinon erworben. Die ersten Weine daraus werden wir wohl 2027 probieren können.
Im Gespräch mit Ivan geht es um seine Anfänge, seine Lieblingslagen und um die Frage, warum Chenin blanc so groß sein kann.
Bernd Kreis:
Ivan, du hast dich mit einem Weingut im Anjou niedergelassen. Was bedeutet das für dich, dort zu sein?
Ivan Massonnat:
Im Anjou? Nun, es ist ein Traum, den ich mir erfüllt habe. Ich habe viele Jahre gebraucht, um mich darauf vorzubereiten, und dann, 2018, haben sich die Sterne wortwörtlich ausgerichtet: Ich traf auf einen ikonischen Winzer, einen Pionier, der in den Ruhestand ging – Jo Pithon – und der einen außergewöhnlichen Weinberg verkaufte: den Coteau des Treilles. Gleichzeitig standen zwei andere Weingüter zum Verkauf. Ich habe sie zusammengeführt und daraus das Weingut Belargus gegründet, mit einer ganz einfachen Entscheidung, die im Einklang mit der Geschichte der Region steht: nur eine Rebsorte, Chenin blanc, hauptsächlich in Hanglagen, um große Weine zu machen und die Tradition wiederzubeleben.
Bernd Kreis:
Was genau ist diese Tradition des Anjou?
Ivan Massonnat:
Es geht um große Lagenweine. Es gibt mehr als 1000 Jahre Weinbau auf diesen Hängen, mit Appellationen, die heute sehr renommiert sind – La Coulée de Serrant, Quarts de Chaume, der einzige Grand Cru der Loire, Bonnezeaux, um nur einige zu nennen. Es ist ein Erbe des Weinbaus an Hängen mit einer edlen Rebsorte, die sowohl große trockene als auch große edelsüße Weine hervorbringt. Leider hat diese jahrhundertealte Tradition Ende des 19. Jahrhunderts einen Bruch erlebt, zur Zeit der Reblauskrise. Und danach etwa 80 Jahre lang entschied man sich im Anjou, wie auch in anderen Teilen der Loire, für einen viel einfacheren Weinbau: Weine in großer Vielfalt – Rot, Weiß, Rosé, Schaumwein – alles für den Alltagsgebrauch. Die alten Traditionen sind also ein Stück weit verloren gegangen. Nicht für alle. In den 1990ern gab es eine Generation von Pionieren. Wir haben über Pithon gesprochen, aber es gab auch Richard Leroy, Mark Angeli, Patrick Baudouin. Sie haben uns den Weg gezeigt.
Bernd Kreis:
Also eine moderne Bewegung. Aber wenn wir zeitlich zurückgehen: Was ist der historische Kern der Weine aus dem Anjou?
Ivan Massonnat:
Wie gesagt: Es ist diese Rebsorte auf Schieferböden. Hier, wo wir uns befinden, nennt man das Anjou noir – der Untergrund ist kein Kalkstein wie in Saumur oder in der Touraine, sondern Schiefer aus dem Massif Armoricain – sehr alte Gesteine, rund 500 Millionen Jahre alt. Das ist das geologische Fundament Frankreichs. Auf diesem Gestein kann Chenin trockene Weine mit großer Länge und starkem mineralischem Rückgrat hervorbringen, auch mit schönen Bitternoten. Und wenn das Jahr es erlaubt, denn es gibt viele Hänge und Flüsse – die Loire, der Layon, das Aubance –, dann bringen diese Gewässer im Herbst Feuchtigkeit, die mit dem warmen Klima der Region ideale Bedingungen für Botrytis schafft, also die Edelfäule. So entstanden auf kleinem Raum die berühmten Appellationen Coteaux du Layon, Quarts de Chaume, Bonnezeaux – sogar Savennières, das historisch ursprünglich auch ein süßer Wein war.
Bernd Kreis:
Also ein kleines Gebiet. Und der Boden: Wenn du sagst, es ist Schiefer – ist es ausschließlich Schiefer, oder gibt es auch andere Gesteine?
Ivan Massonnat:
Gute Frage. Eigentlich ist es eine Vereinfachung zu sagen, es sei nur Schiefer. Ja, Schiefer sind die ältesten Gesteine hier, aber sie sind so alt – 500 Millionen Jahre –, dass seither sehr viel passiert ist. Ich nenne das Gebiet lieber ein geologisches Chaos. Auf benachbarten Parzellen findet man Schiefer (500 Mio. Jahre), aber auch vulkanisches Gestein (400 Mio.) und sogar Konglomerate, deutlich jünger, etwa 300 Millionen Jahre alt, als das Anjou unter den Tropen lag. Mit Chenin, unserer einzigen Rebsorte auf Belargus, haben wir ein Instrument, um diesen Untergrund auszudrücken – mit Weinen, die ganz unterschiedlich sein können: von straff, mineralisch, puristisch bis opulent, üppig und verführerisch – alles mit ein und derselben Rebsorte.
Bernd Kreis:
Du hast also viele verschiedene Terroirs. Gibt es ein Lieblings-Terroir, deine Lieblingslage?
Ivan Massonnat:
Ohne Zweifel: Le Coteau des Treilles. Erstens, weil es ein außergewöhnlicher Hang ist, mit Steigungen bis zu 70 %, einem Mikroklima fast wie am Mittelmeer. Der Hang ist nach Süden ausgerichtet. Zweitens: Dieses Terroir wurde vor vielen Jahrzehnten aufgegeben, bevor die Chemie im Weinbau Einzug hielt. Die Reben stehen heute in einem Naturschutzgebiet von 25 Hektar mit über 2200 Arten. Ein magischer Ort. Die Weine von dort sind einzigartig – sie ähneln keinem unserer anderen Weine. Sicherlich ist das die schwierigste Parzelle, die wir bearbeiten. Man spricht hier zu Recht von heldenhafter Weinbergsarbeit. Aber wer sich müht, wird belohnt.
Bernd Kreis:
Wenn du die großen trockenen Chenins aus dem Anjou in drei Worten beschreiben müsstest – welche wären das?
Ivan Massonnat:
Eine gewisse Struktur. Manchmal sogar Kraft – aber eine mineralische Kraft. Der Fels ist sehr nah an der Oberfläche, die Böden sind flach. Dann: ein sehr verführerischer Fruchtcharakter, denn wir befinden uns in einem der wärmeren Teile der Loire. Diese „Doux angevin“, diese milde Wärme, ist real, klimatisch gesehen. Und als drittes Wort würde ich Bitterkeit wählen. Eine feine Bitterkeit, die den Speichelfluss anregt und am Gaumen Frische bringt – zusätzlich zur natürlichen Säure des Chenin. Das ist ein Träger des Geschmacks und macht die Weine aus dem Anjou zu perfekten Speisenbegleitern.
Bernd Kreis:
Und die großen süßen Weine – die vins liquoreux?
Ivan Massonnat:
Sie haben eine Tiefe im Anjou, eine Konzentration, die es nur an wenigen Orten auf der Welt gibt. Es ist eine besondere Kombination von Faktoren, die das möglich machen. Aber weil Chenin natürlicherweise viel Säure besitzt, bleibt diese Konzentration immer im Gleichgewicht. Und wie immer haben wir am Ende diese Bitternoten, die den Wein leichter wirken lassen, ihn zum Speichelfluss anregen. Das sind Meditationsweine, mit einem extrem komplexen Aromenspektrum. Und die natürlich ohne Limit reifen.

